
- Lesender - van der Weyden
Der Buchhandel spricht von einem 'gamechanger', einem qualitativen Sprung also. Gemeint ist ein Sprung aus den bestehenden Strukturen des Buchhandels hinaus zu den neuen Ufern der Selbstvermarktung. Wenn J. K. Rowling ihre Audio- und E-Books selbst vertreibt, dann können die alten Strukturen berechtigt als überkommen bezeichnet werden.
Die erfolgreichste Autorin der Welt geht 'indie'
Die erfolgreichste Autorin der Welt vertreibt die Audio- und E-Books von Harry Potter ab sofort in Eigenregie. Ihren Anteil an der Papierversion ihres Buches hält Rowling offen für verzichtbar. Anders ist nicht zu erklären, dass sie diese Kampfansage an den stationären Buchhandel wagt. Jemand, der ertrinkt, kann heftigste Gegenwehr leisten. Dessen wird sie sich sicherlich bewusst sein.
Rowling erkennt im Eigenvertrieb des digitalen Harry Potter nicht nur die ferne Zukunft, sondern bereits die millionenschwere Gegenwart. Für nebelhafte Zukunftsaussichten würde sie diesen umstürzlerischen Schritt nicht wagen. Die Autorin muss sich nicht mehr mit einem Anteil am Verlagspaket zufrieden geben. Sie kann sich den ganzen Kuchen holen.
Niemand steht zwischen Autor und Leser
Die Autorin such den direkten Kontakt zum Konsumenten. Das Papierbuch geht durch viele Hände, ehe es beim Kunden ist. Das E-Book als immaterielles Produkt dagegen erfordert niemanden, der es transportiert oder aushändigt. Im Bildschirm seines E-Book-Readers blickt der Kunde direkt auf den Schreibtisch der Autorin. Der Beruf des Buchhändlers ist damit Geschichte.
Rowling hat vom voluminösen Segelboot auf ein schlankes Motorboot umgerüstet. Sie hat die zahlreichen Handarbeiter an Bord durch hochbezahlte Techniker ersetzt. Sie gibt viel Geld für die besten Layouter, Webdesigner, Werbeleute und Promoter aus. Diese Leute aber arbeiten nur für sie. Ab jetzt alimentiert sie nicht mehr die weniger erfolgreichen Autoren ihres Verlages.
Die Autorin bindet den Leser an sich
Es gibt ein kleines Problem. Das Problem ist tatsächlich so klein, dass es gerne übersehen wird. Wenn Rowling darauf setzt, ihre Bücher nur noch per Download zu vertreiben, dann genügt ein illegaler Upload, um Millionen kostenlos zu bedienen. Theoretisch wäre es also möglich, dass sie nicht mehr als ein Ebook verkauft. Praktisch dürfte es ihr legaler Shop mit dem illegalen 'Vertrieb' nicht entfernt aufnehmen können.
Doch Rowling – das zeigt die Qualität ihrer Berater – nimmt das Problem ernst. Was nützen ihr Sonntagsreden von Politikern, die erkennbar nicht auf der Höhe der Zeit sind. Wunschdenker und Worthelden schaffen ihr das Problem nicht vom Hals! Also muss sie einen Mehrwert schaffen: Sie lässt auf ihrer Pottermore-Seite einen Erlebnisraum entstehen, vermittelt ein Gemeinschaftsgefühl, bindet die Leser in ein Geschehen ein – kurz: Sie bietet dem Leser etwas, das ihm der Buchpirat nicht bietet.
Andere Autoren werden folgen
Ihr Konzept ist so schlüssig, dass es ohne große Abänderung übernommen werden kann. Lebensgefährlich für die Buchindustrie ist, dass Rowlings Weg besonders für die kommerziell erfolgreichen Autoren vielversprechend ist. Wenn aber die Alimentezahler abwandern, bleiben den Verlagen nur noch die Alimenteempfänger. Sie werden in Schönheit sterben und mit Edelsinn untergehen.
Quelle: Buchreport.de und eigene Recherche
